Wie wird der Unterricht von morgen aussehen? Adéla, Kateřina und Barbora von der Westböhmischen Universität Pilsen teilen ihre Vorstellungen vom Unterricht der Zukunft und ihre Gedanken über die Herausforderungen, die auf das Bildungssystem warten.
Über uns
Wir (Adéla, Kateřina und Barbora) studieren im dritten Jahr unseres Bachelorstudiums an der Pädagogischen Fakultät der Westböhmischen Universität in Pilsen. Unser gemeinsames Studienfach ist Deutsch als Fremdsprache. Unterstützt wurden wir von Michaela, Martin und Julia, die ebenfalls Deutsch auf Lehramt studieren.
Alle von uns haben eine andere Grund- und Mittelschule besucht und bringen deshalb unterschiedliche Erfahrungen und Erlebnisse mit. Trotzdem haben wir ein gemeinsames Ziel: Wir möchten großartige Lehrer*innen werden, Vorbilder sein und unsere Schüler*innen inspirieren. Die Schule steht vor großen Veränderungen. Unsere Welt wird immer digitaler, schneller und moderner – und auch der Unterricht muss sich weiterentwickeln. Die Zukunft des Unterrichtens bedeutet nicht nur Technologie einzusetzen, sondern vor allem eine neue Art des Lernens und Lehrens zu entwickeln.
Adéla, Kateřina und Barbora, die Hauptautorinnen des Blogbeitrags. | Foto: Michaela Hánová
Unsere Vision vom Unterricht der Zukunft
In unserer Vorstellung vom Unterricht der Zukunft wird das Lernen moderner und individueller sein. Technologien werden ein natürlicher Bestandteil des Unterrichts, aber nicht als Ersatz für die Lehrkraft, sondern als Unterstützung und Bereicherung. Digitale Medien, interaktive Programme oder Künstliche Intelligenz können helfen, den Unterricht an die Bedürfnisse der einzelnen Schüler*innen anzupassen. Gleichzeitig ist es sehr wichtig, dass sie lernen, mit diesen Technologien richtig umzugehen und sie sinnvoll zu nutzen. Sie sollten kritisch denken, vertrauenswürdige Informationen erkennen und Technologien nicht nur passiv konsumieren, sondern sie als Werkzeug für ihre eigene Entwicklung verwenden.
Ebenso wichtig ist für uns ein persönlicher Zugang. Jede Schülerin und jeder Schüler ist anders und sollte auch so wahrgenommen werden. Wir möchten keine „klassischen“ Unterrichtsstunden gestalten, in denen die Lehrkraft nur Informationen vermittelt und die Lernenden passiv zuhören. Stattdessen wollen wir Stunden schaffen, die Spaß machen, auf die sich die Schüler*innen freuen und die sie motivieren, sich weiterzubilden und aktiv mitzuarbeiten.
Kateřina: „Lehrpersonen werden nicht nur den Stoff weitergeben, sondern sich auch mit verschiedenen Aktivitäten, Spielen, Experimenten und praktischen Erfahrungen darum bemühen, dass die Schüler*innen ein Thema tiefer begreifen.“
Auch das Bewertungssystem stellen wir uns anders vor. Noten sollten für Kinder kein Grund für Stress oder Angst sein. Wir möchten nicht, dass sie mit Sorgen vor Tests in die Schule kommen oder die Schule wegen schlechter Noten vermeiden. Lernen sollte nicht mit Druck verbunden sein, sondern mit der Möglichkeit, sich zu entwickeln. Deshalb möchten wir den Schüler*innen mehrere Chancen geben, ihre Leistungen zu verbessern – zum Beispiel durch ein Pluspunktesystem für Aktivität, Projekte oder Engagement. Besonders wichtig ist für uns, die Anstrengung in die Note mit einzubeziehen. Wenn jemand Schwierigkeiten mit dem Stoff hat, sich aber bemüht, sollte er oder sie die Möglichkeit haben, das Ergebnis zu verbessern und Erfolg zu erleben.
Die Methoden für Zukünftebildung konnten die Studierenden an der Praxisvolksschule Baden gleich in der pädagogischen Praxis testen. Mit den Kindern der Klasse 4a unter der Leitung von Sonja Brauner dachten sie über das „Weltkulturerbe der Zukunft“ nach. Hier stand auch die aktive Beteiligung und Selbstermächtigung der Schüler:innen im Vordergrund. | Foto: Adéla Lišková
Wissen oder können? Was wirklich zählt
Wir erinnern uns noch gut daran, wie wir in der Schule saßen und uns endlose Definitionen, der Stammbaum der Habsburger oder die Nebenflüsse der Donau durch den Kopf gingen. Insgeheim fragten wir uns: „Wozu brauchen wir das eigentlich im Leben?“ Wir haben das Gefühl, dass sich viele Kinder diese Frage auch heute noch stellen. Unsere Vision eines Unterrichts der Zukunft basiert daher nicht auf stupidem Auswendiglernen, sondern auf dem Verstehen von Zusammenhängen und dem praktischen Nutzen. Fakten sehen wir als wichtige Bausteine, aber nicht als das Endziel. Niemand möchte schließlich eine wandelnde Enzyklopädie sein, die den Kindern nur Daten eintrichtert. Viel lieber möchten wir ihre Wegbegleiterin sein.
Julia: „Ich möchte meinen Schüler*innen dabei helfen, bessere Meschen zu sein. Ich will, dass sie verstehen, warum es wichtig ist, kritisch nachzudenken.“
In unserem Unterrichtsverständnis gibt es keine Antwort wie „weil es im Lehrplan steht“. Unser Ziel ist es, dass die Schüler*innen begreifen, welchen Bezug ein Thema zur Realität hat. Wir möchten ihnen den Raum geben, Dinge auszuprobieren, anzufassen, Fehler zu machen und eigenständig Lösungen zu finden. Die neue Generation von Lehrkräften hat nämlich eine große Aufgabe: Erwachsene auszubilden, die kritisch denken, Informationen verknüpfen können und keine Angst haben, Fragen zu stellen. Und wie sieht es bei euch aus? Erinnert ihr euch an einen Moment in der Schule, in dem ihr euch gefragt habt, wozu all diese Daten und Informationen eigentlich gut sein sollen?
Psychische Gesundheit im Fokus
Über die Bedeutung der körperlichen Gesundheit wird schon lange gesprochen, aber das psychische Wohlbefinden ist genauso wichtig. In der Schule spielt es sogar eine noch größere Rolle. Für viele Schüler*innen ist die Schule der Mittelpunkt ihres Lebens, deshalb ist es wichtig, dass sie sich dort nicht nur wohlfühlen, sondern auch lernen, wie sie auf ihre psychische Gesundheit achten können.
Viele Schüler*innen stehen heute unter großem Stress – Leistungsdruck, Erwartungen von außen oder Angst vor Tests und Noten. Sie sind mit einer großen Menge an Informationen konfrontiert und fühlen sich oft überfordert. Deshalb ist es wichtig, dass die Schule ein sicherer Ort für die Lernenden ist und die Lehrkraft eine Person, auf die man sich verlassen kann.
Uns ist bewusst, dass jede Schülerin und jeder Schüler individuell ist und in etwas anderem gut ist. Manche sind kreativ, andere sportlich begabt oder haben ein analytisches Denken. Lehrkräfte sollten Kinder nicht miteinander vergleichen, sondern ihre individuelle Entwicklung fördern. Es ist bewiesen, dass positive Motivation die Leistung der Schüler*innen steigert (Pygmalion-Effekt). Umgekehrt können niedrige Erwartungen der Lehrkraft negative Auswirkungen auf Leistungen und Selbstvertrauen haben (Golem-Effekt). Deshalb finden wir es wichtig, mehr Wert auf positives Feedback und auf die Stärken der Kinder zu legen, statt ständig Fehler zu betonen oder sie herunterzumachen. Das kann eine entscheidende Rolle in ihrer Entwicklung während der Schulzeit spielen.
Michaela: „Unterricht sollte einen Raum öffnen, in dem unterschiedliche Perspektiven nebeneinanderstehen dürfen. In dem kontroverse Themen nicht vermieden, sondern respektvoll behandelt werden. Die Schule ist einer der wenigen Orte, an denen Menschen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen regelmäßig aufeinandertreffen. Das ist eine Herausforderung, aber auch eine große Chance.“
In unserem Unterricht möchten wir verschiedene Aktivitäten zur Arbeit mit Emotionen einbauen. Zum Beispiel könnten wir am Anfang der Stunde kurze Atemübungen oder einfache Achtsamkeitsübungen (Mindfulness) machen, die den Schülerinnen und Schülern helfen, sich zu beruhigen und sich besser zu konzentrieren. Das kann eine Minute Stille sein, Konzentration auf den Atem oder eine kurze Reflexion darüber, wie sie sich gerade fühlen.
Wir möchten auch mit Emotionen durch Gespräche oder kurze Aktivitäten arbeiten, bei denen die Lernenden lernen, ihre Gefühle zu benennen und auszudrücken. Zum Beispiel mit einer „Emotionsskala“ am Anfang der Stunde, bei der die Schülerinnen und Schüler anonym zeigen können, wie ihre aktuelle Stimmung ist. Eine weitere Möglichkeit wäre ein kleines Dankbarkeitstagebuch, in das sie eine positive Sache des Tages oder der Woche schreiben.
Ein wichtiger Bestandteil der Klasse oder Schule sollte auch eine Vertrauensbox sein, in die die Schülerinnen und Schüler anonym ihre Sorgen, Fragen oder Probleme schreiben können. Ebenso wichtig ist es, einen „Safe Space“ zu schaffen – einen sicheren Raum, in dem sie jederzeit um Hilfe bitten oder mit der Lehrkraft sprechen können, ohne Angst vor Verurteilung zu haben.
Das Ziel dieser Aktivitäten ist nicht, weniger Zeit für den Unterricht zu haben, sondern ein Umfeld zu schaffen, in dem sich die Schüler*innen sicher, respektiert und im Gleichgewicht fühlen. Wir glauben, dass nur ein Kind, das sich psychisch wohlfühlt, sich wirklich auf das Lernen konzentrieren und sein Potenzial entwickeln kann.
Ein Beispiel für aufmerksame Gestaltung im Klassenraum aus der Praxisvolksschule der PH Niederösterreich am Campus Baden. | Foto: Adéla Lišková
Digitale Welt ohne Grenzen
Smartphones sind zu einem festen Bestandteil der Kindheit geworden, oft schon, bevor die Kinder überhaupt in den Kindergarten kommen. In den Schulen sitzen die jungen Menschen dann nebeneinander, sie spielen nicht, sie unterhalten sich nicht – jedes von ihnen ist in seiner eigenen digitalen Welt versunken. Das spiegelt sich unweigerlich auch im Unterricht wider, wo die Kinder mit Unruhe, Konzentrationsschwäche und Kommunikationsbarrieren kämpfen.
In diese ohnehin schon komplexe Welt ist nun auch noch die Künstliche Intelligenz getreten. Sie ist ein faszinierendes Werkzeug, aber für uns Pädagog*innen auch ein kleines Schreckgespenst. Es stellt sich nämlich die Frage: Warum sollte sich ein Kind bei einem Aufsatz oder einer Hausaufgabe noch anstrengen, wenn die KI das mit ein paar Klicks erledigen kann? Unser Weg als Lehrer*innen führt jedoch nicht über Verbote. Viel wichtiger ist es, den Kindern einen verantwortungsbewussten Umgang mit Technologien beizubringen und ihnen zu zeigen, dass es einen unschätzbaren Wert hat, etwas Eigenes zu erschaffen – etwas, das aus ihrem eigenen Kopf und ihrer eigenen Anstrengung entstanden ist und das kein Algorithmus ersetzen kann. Die zwischenmenschliche Ebene ist kein Zusatz, sondern das Fundament, denn Lernen entsteht nicht nur durch Wissen, sondern durch Beziehung, Vertrauen und eine Atmosphäre, die nur Menschen schaffen können.
Barbora: „Für mich ist das alles Neuland. Die Technologien entwickeln sich so rasant, dass ich manchmal die Sorge habe, ob ich als Lehrerin mit diesem Tempo mithalten kann.“
Wir stehen diesem Wandel mit Respekt, aber auch mit Hoffnung gegenüber. Manchmal fühlen wir Unsicherheit, weil sich alles so schnell verändert, doch gleichzeitig spüren wir große Motivation, Teil dieser Veränderung zu sein. Wir möchten Lehrer*innen sein, die nicht nur Wissen vermitteln, sondern Vertrauen aufbauen, Mut machen und Kinder auf ihrem eigenen Weg begleiten. Vielleicht beginnt die Schule der Zukunft nicht mit Technologie, sondern mit Haltung, Empathie und dem Wunsch, jedes Kind wirklich zu sehen.
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Dieser Blogbeitrag entstand im Rahmen des von der AKTION geförderten Projekts „Weltkulturerbe der Zukunft – Světové kulturní dědictví budoucnosti“ (1.-8.3.2026). Während Workshops zur Zukünftewerkstatt am UNESCO-Lehrstuhl der PH Niederösterreich und beim Besuch der ÖDaF-Tagung „Kultur und Gesellschaft im DaF/DaZ-Unterricht. Methoden, Medien, Materialien“ haben sich die Teilnehmer*innen mit Zukünftedenken, Bildung und der Rolle der Schule in der Gesellschaft beschäftigt. Als zukünftige Lehrer*innen reflektierten sie dabei ihre Vorstellungen vom Unterricht der Zukunft und die Herausforderungen, die auf das Bildungssystem warten. In diesem Blogbeitrag haben sie ihre Gedanken zum Unterricht von morgen geteilt.
Die Zukünftewerkstatt (Futures Stories Lab) ist eine Methode zur Förderung von Zukünftedenken in Unterricht und Lehre, entwickelt am UNESCO Chair in Learning and Teaching Futures Literacy in the Anthropocene. Kurzanleitungen stehen im Open Access im Methodenmosaik zur Verfügung.
Carmen Sippl
HS-Prof. Mag. Dr. Carmen Sippl ist Chairholder des UNESCO Chair in Learning and Teaching Futures Literacy in the Anthropocene, Leiterin… Weiterlesen
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren: Carmen Sippl (22. März 2026). Die Zukunft des Unterrichtens. Das Anthropozän lernen und lehren. Abgerufen am 11. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/15xb6
Dieser Wissenschaftsblog beschäftigt sich mit dem Themenfeld kulturelle Nachhaltigkeit. Gestartet hat der Blog mit dem Forschungs- und Entwicklungsprojekt “Das Anthropozän lernen und lehren” der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich mit dem Ziel, das Anthropozän als Denkrahmen für Bildungsprozesse in die Schule zu bringen: Das Anthropozän ist das Narrativ der Zukunftsschule.